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Warum hat Van Gogh sein Ohr abgeschnitten? – Aufklärung

Die Kunstwelt bietet zahlreiche Geheimnisse und spannende Geschichten, doch nur wenige halten sie auch heute noch derart in Atem wie die Kriminalstory um Vincent Van Goghs abgeschnittenes Ohr. Der Künstler war bereits zu Lebzeiten für seinen Zustand minderer psychischer Gesundheit bekannt, weshalb man der Erzählung vom wahnsinnigen Genie, das sich selbst verstümmelt nur allzu leicht Glauben schenken mochte. Doch was geschah wirklich in jener Nacht des 23. Dezembers 1888 in der Vincent van Gogh sein Ohr verlor? Es gibt einige, die annehmen, dass er nicht ganz allein für den Verlust seiner Ohrs verantwortlich war. Welche Theorien die Kunstwelt außerdem aufstellt, lesen Sie im Folgenden.

Hassliebe unter Künstlern – Gauguin und van Gogh

In der pulsierenden Kunstwelt von Paris treffen in den 1880er Jahren zwei Künstler aufeinander, die sich beide einem neuen Stil verschrieben hatten, den die Welt damals noch nicht recht zu greifen wusste und seine Schaffenden so oft in Abhängigkeiten brachte, um ihre Kunst weiter voranbringen zu können. So geschehen ist es auch bei Paul Gauguin und Vincent van Gogh. Zwei Charaktere, künstlerisch wie charakterlich äußerst unterschiedlich, finden zueinander, weil sie sich demselben Ziel verschrieben haben: ihre Kunst in die Welt zu bringen. Der Idee Vincent van Goghs zu folgen, eine Künstlergemeinschaft zu gründen, war Gauguin zwar keine sehr liebreizend erscheinende, jedoch konnte ihn die finanzielle Unabhängigkeit und gute Vernetzung, die ihnen der Bruder Vincent van Goghs, Theo, ein Kunsthändler, bot, überzeugen. So lebte er im Jahr des Vorfalls mit Vincent in einer Art Künstler-WG im „gelben Haus“ in Arles, wenn auch begleitet von fortwährenden Spannungen. Welche Rolle er bei dem „Unfall“ spielte, wird in verschiedenen Theorien diskutiert.

Selbstverstümmelung im Wahn des Genies

Die Wohl populärste Meinung darüber, wie Vincent van Gogh sein Ohr verloren hat, ist jene, dass er es sich im künstlerischen Wahn selbst abgeschnitten habe. Da er Zeit seines Lebens unter psychischer Instabilität litt, weshalb er sich einige Zeit nach dem Vorfall auch selbst in eine Nervenheilanstalt einweisen ließ, erscheint diese Theorie zunächst nicht als allzu unwahrscheinlich. Der Mythos des ebenso wahnwitzigen wie genialen Künstlers, der sich nicht nur selbst verstümmelte, sondern die „Trophäe“ im Rausch des Blutverlusts zudem wohl auch noch bei einer Prostituierten ablieferte, befeuerte zusätzlich seit jeher den Willen der Außenwelt diese Theorie anzunehmen. Vincent van Gogh selbst hat sich jedoch nie in dieser Weise zu jener Nacht geäußert. Die Beschreibung des Tatvorgangs wurde vielmehr von seinem Mitbewohner Paul Gauguin überliefert.

Ein folgenreicher Streit?

Was genau der Auslöser für die Tragödie war, lässt sich heute wohl nicht mehr zweifelsfrei erörtern, allerdings schildert Gauguin seinem Freund Emile Bernard den Vorgang wie folgt, was Bernard wieder in einem Brief niederschreibt: Gauguin und van Gogh hätten sich an dem folgenreichen Abend gestritten, woraufhin Gauguin gegangen und van Gogh ihm gefolgt sein soll, um ihn zu fragen, ob er (Gauguin) die Künstlerkommune denn nun verlassen wolle. Mit dem Bejahen sei van Gogh fort gestürmt und müsse die schicksalhafte Handlung vorgenommen haben. Am anderen Morgen entdeckte ihn die Polizei immer noch stark blutend in seiner Wohnung. In seiner späteren Autobiografie beschreibt Gauguin die Geschehnisse jener Nacht jedoch anders, was ihn icht glaubwürdiger werden lässt. Hier führt er aus, dass van Gogh ihn mit einem Rasiermesser bedroht habe und er (Gauguin) ihn daraufhin verscheuchte. Der Historiker Hans Kaufmann zeichnet nochmal ein gänzlicher anderes Bild der blutigen Tat, die auch als Auftakt zu Vincent van Goghs letztem großen Kampf gegen seine Psyche verstanden werden kann, den er letztlich nur wenige Monate später verlor. Der Historiker geht davon aus, dass Gauguin selbst wohl van Gogh im Streit das Ohr abgeschlagen haben müsse, da der Schnitt der Wunde, wie Unterlagen dazu wohl bewiesen, zu glatt für den Schnitt eines selbst geführten Rasiermesser gewesen seien. Gauguin hingegen sei zudem dafür bekannt gewesen über gute Fähigkeiten im Umgang mit dem Säbel zu verfügen und führte auch einige dieser scharfen Waffen. Die Theorie Kaufmanns gilt heute nicht als ausgeschlossen, allerdings kann sie auch nicht abschließend belegt werden.

Was war der Grund für den Streit?

Was kann schon ein Grund dafür sein, dass ein Streit derart eskaliert, dass dabei der Teil eines Ohres verloren geht, egal ob nun durch die eigene Hand oder durch die des Gegenübers? In Gauguins‘ und van Goghs Fall soll es wohl um die Tatsache gegangen sein, dass Theo, der finanziell gut aufgestellte Bruder Vincents, sich verlobt hatte. Die beiden Künstler fielen darüber in Streit, ob die finanzielle Unterstützung nun wegfallen würde.